Die Geschichte des Kinderhauses

 
Das Kinderhaus um 1939 (Quelle: Privat)

Das 1911 eröffnete Kinderhaus entstammt dem 1901 von Bertha Pappenheim und Henriette Fürth gegründeten Verein der Weiblichen Fürsorge, ein „Israelitische[r] Frauenverein zur Förderung der gemeinnützigen Bestrebungen für die Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt“ (Arnsberg, S. 107; vgl. Schröder, S. 354ff).

„Zweck des Kinderhauses war es, bedürftigen israelitischen Kindern unentgeltlich oder gegen mäßiges Entgelt Obhut, Verpflegung und Unterweisung zu gewähren. Aufgenommen wurden Waisenkinder, Kinder die durch mißliche Wohnungsverhältnisse nicht im Elternhaus bleiben konnten, uneheliche Kinder und solche, die keinen Menschen hatten, die sich ihrer annahmen. Das Haus verfügte über 50 Plätze für Kinder vom Säuglingsalter bis zum sechsten Lebensjahr. Eingerichtet war das Kinderhaus wie folgt:

  • Im Parterre: Schlafräume für ca. 20 Kinder; ein Isolierzimmer mit Bad; Wohn- und Schlafzimmer der Oberin; Arztzimmer.
  • Im ersten Stock: Schlafzimmer für zehn Kinder; Speise- und Spielzimmer; Kinderbäder und Toiletten; Zimmer der Kindergärtnerinnen; Milch- und Fleischküche.
  • Im zweiten Stock: Säuglingsabteilung für ca. 20 Säuglinge; Schlafzimmer, Wickelzimmer mit eingebauten Bädern; großer Dachgarten; Zimmer der Säuglingsschwestern; ein Zimmer, in dem Privatleute, die vorübergehend von Frankfurt am Main abwesend waren, ihre Kinder mit oder ohne Pflegerin gegen Entgelt unterbringen konnten.
  • Im Souterrain: Waschküche; Osterküche; Vorratsräume.
  • Im Dachgeschoss: Personalzimmer.“ Lustiger, S. 163 (kursiv: Vf.)

In 1927 betrug die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Tag 42. Die konzeptionell bedingte Altersbeschränkung des Kinderhauses wurde im April 1942 in Folge der NS-staatlich herbeigeführten Not: die Schließung des Heims „Isenburg“ und die gebotene Aufnahme von Kindern, aufgehoben, eine Entwicklung, die sich mit der Auflösung des Israelitischen Waisenhauses im Juli verschärfte. Binnen vier Monaten war eine drastische Veränderung im Kinderhausalltag, sowohl personell als auch pädagogisch, zu regeln, was für Oberin Frida Amram und ihr Team eine enorme Herausforderung bedeutete.

Am 30.04.1942 legte Wilhelm Schönberger für die NSDAP, Gau Hessen-Nassau, der Preisprüfstelle des Oberbürgermeisters eine Ankaufliste von vier Objekten vor. Darunter befand sich auch das Kinderhaus, das sich nominell im Besitz der 1939 erzwungenen „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ befand, faktisch jedoch der Gestapo als NS-Aufsichtsbehörde unterstellt war (ISG/Gutachterausschuss für Grundstücksbewertung, Sign. 421). Man wolle, so wurde mitgeteilt, in der Villa Geschäftsräume samt Wohnung für einen Hausmeister einrichten.

Der von der NSDAP erfragte Verkaufspreis für das Anwesen des Kinderhauses wurde am 05.06.1942 behördlich mit 60.000 RM beantwortet. Während die NSDAP mit der Stadt Frankfurt am Main über den Kauf des Kinderhauses verhandelte sowie parteiintern eine Kaufgenehmigung erwirken konnte, wurde Oberin Frida Amram denunziert. Der erhobene Vorwurf lautete: „Hamsterei“. Im Bemühen der Oberin um die Neuregelung der Versorgung, war es für die Kaufinteressenten nicht schwer einen Vorwurf zu finden, der die Entfernung der Oberin ermöglichte, diese kriminalisierte, dem Kinderhaus die entscheidende Leitung raubte und somit die öffentliche Akzeptanz zur Übernahme des Hauses durch die NSDAP vorbereiten half. Die Oberin wurde im Juli 1942 inhaftiert und kehrte nie wieder zurück.

Goldina Hirschberg, die Schwester von Frida Amram, übernahm als Interimsleiterin die Verantwortung und wurde Mitte September 1942 mit ihrem Mann und den meisten Kindern ins Ghetto Theresienstadt gebracht. Die letzte Verantwortung für eine Woche, wurde Dr. Toni Sandels zwecks Übergabe des geräumten Hauses aufgebürdet.

In den Bombennächten vom März 1944 erlitt die Villa vor allem Schäden durch jene Sprengbombe, die das Nachbarhaus völlig zerstörte. Gravierend war ein Mauerbruch im 2. OG (Karl Datz, Brief vom 05.06.1948, HHStA, Abt. 519/V, Nr. VG 2100 – 33, Bd. 1). Aus Sorge um weitere Schäden bat Dr. Neuhaus von der Frankfurter Jüdischen Gemeinde zum 20.12.1945, die US-Militärverwaltung möge der Stadt Frankfurt Reparaturen an der Villa, die formal noch der NSDAP gehörte, erlauben (Note vom 20.12.1945, HHStA, Abt. 519/V, Nr. VG 2100 – 33, Bd. 2). Am 23.01.1946 beschlagnahmt, wurde die Villa am gleichen Tag, mindestens bis 1952, erlaubter Hauptsitz der CDU in Hessen. Die Vermögenskontrollstelle übergab Haus und Grund am 13.10.1952 (HHStA, Abt. 519/V, Nr. 2300-33 Bd. 2) der JRSO (Jewish Restitution Successor Organization, New York/Frankfurt am Main, Wiesenhüttenplatz 37), die vor 1956 das Anwesen der Siedlungsgesellschaft des evangelischen Hilfswerkes in Hessen und Nassau/Deutsches Volksheimstättenwerk übergab; um 2002 ließ ein neuer Eigentümer die Häuser 22-24 abreißen und einheitlich bebauen.

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Verein der Weiblichen Fürsorge e.V.
Villa Miller

Quellen

Literaturverzeichnis
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